Was ist das Internet? Teil 2: Vom Forschungsnetz zum Rekord in Frankfurt

Aus vier Rechnern wurde ein Netz für sechs Milliarden Menschen. Teil 2 der Serie zeigt, wie schnell das Internet geworden ist, was am Frankfurter Knoten DE-CIX los ist und warum Sicherheit erst nachträglich eingebaut wurde.

Was ist das Internet?
Teil 2: Vom Forschungsnetz zum Rekord in Frankfurt

Dienstag, 7. Juli 2026, kurz nach acht Uhr abends. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft läuft das Achtelfinale Argentinien gegen Ägypten. Viele schauen nicht über die Antenne, sondern im Stream: auf dem Fernseher, dem Tablet oder dem Handy. Um 20:05 Uhr zeigen die Zähler im Frankfurter Internetknoten DE-CIX einen Wert, den es dort noch nie gab: 19,6 Terabit pro Sekunde.

Das ist der neue Rekord. Was diese Zahl bedeutet, erklärt dieser zweite Teil der Serie. Er erzählt auch, wie das Netz so groß wurde – und warum seine Erfinder an Betrüger nicht gedacht haben.

Vom Forschungsnetz zum Netz für alle

Im ersten Teil ging es um das ARPANET: vier Rechner, verbunden im Dezember 1969. Zwanzig Jahre lang blieb das Netz eine Sache von Forschern und Militär. Dann ging es schnell.

1971 verschickte der Ingenieur Ray Tomlinson die erste E-Mail im ARPANET und führte das @-Zeichen in Adressen ein. Am 1. Januar 1983 stellte das ARPANET auf die Regeln TCP und IP um, die bis heute gelten. Am 3. August 1984 um 10:14 Uhr kam die erste E-Mail in Deutschland an, im Rechenzentrum der Universität Karlsruhe. Empfänger war Michael Rotert. Die Nachricht war ein nüchterner Willkommensgruß aus den USA, nicht einmal mit einem „Hallo“ davor.

Den Durchbruch für Menschen ohne Informatikstudium brachte eine Idee vom Forschungszentrum CERN bei Genf. Dort schlug der Physiker Tim Berners-Lee 1989 vor, Dokumente über das Netz miteinander zu verknüpfen: Ein Klick auf ein unterstrichenes Wort öffnet ein anderes Dokument, egal auf welchem Rechner es liegt. Das World Wide Web war geboren. Es ist bis heute das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie „Internet“ sagen. Genau genommen ist das Web nur ein Dienst, der über das Internet läuft, so wie E-Mail oder Videotelefonie.

1995 ging in Frankfurt der Internetknoten DE-CIX an den Start. 1999 schaltete die Telekom die ersten DSL-Anschlüsse für Privatkunden frei. Ab 2007 kamen Smartphones auf, und das Netz wanderte in die Hosentasche.

Was das Netz heute trägt

Nach Schätzung der Internationalen Fernmeldeunion ITU nutzten 2025 rund sechs Milliarden Menschen das Internet, etwa drei Viertel der Weltbevölkerung. In Deutschland sind laut einer Bitkom-Umfrage von Anfang 2026 drei Viertel der Menschen ab 65 Jahren online. Bei den 65- bis 69-Jährigen sind es 98 Prozent, bei den über 80-Jährigen knapp die Hälfte.

Über das Netz laufen heute Dinge, die früher eigene Leitungen hatten. Dein Festnetztelefon nutzt bei den meisten Anschlüssen längst das Internet-Protokoll. Fernsehsender bieten ihr Programm im Stream an. Banken, Krankenkassen und Behörden verlagern ihre Dienste dorthin. Das Internet ist vom Spezialwerkzeug zur Grundversorgung geworden, ähnlich wie Strom und Wasser.

Vom Pfeifen in der Leitung zum Gigabit

Wer in den 1990er-Jahren ins Netz ging, erinnert sich vielleicht an das Pfeifen und Rauschen des Modems. Ein gutes Modem schaffte am Ende 56 Kilobit pro Sekunde. Ein ISDN-Kanal brachte 64 Kilobit. Im Juli 1999 startete die Telekom T-DSL mit bis zu 768 Kilobit pro Sekunde, zwölfmal so schnell wie ISDN. Heute bieten Glasfaseranschlüsse 1.000 Megabit pro Sekunde und mehr.

Diese Zahlen sagen wenig, solange man sie nicht auf etwas Greifbares anwendet. Nimm ein Urlaubsfoto mit drei Megabyte. Über ein 56k-Modem dauerte die Übertragung gut sieben Minuten. Über T-DSL eine halbe Minute. Über einen Gigabit-Anschluss zwei Hundertstelsekunden.

Die Werte im Diagramm sind die Nenngeschwindigkeiten, also das, was die Technik bestenfalls schafft. Zu Hause kommt meist weniger an. Wie viel genau, kannst du selbst messen. Das zeigt der dritte Teil dieser Serie.

Frankfurt: Wo sich die Netze treffen

Das Internet besteht aus mehr als 77.000 einzelnen Netzen, so der Stand vom März 2025. Die Telekom betreibt eines, Vodafone eines, dazu Stadtwerke, Hochschulen, Rechenzentren und große Dienste wie Streaming-Anbieter. Damit dein Paket vom Netz deines Anbieters in das Netz der Mediathek gelangt, müssen beide Netze irgendwo zusammenkommen.

Dafür gibt es Internetknoten. Der größte in Europa steht in Frankfurt am Main: DE-CIX. Dort sind fast 1.100 Netze angeschlossen. Sie tauschen ihre Daten direkt untereinander aus, statt sie über Umwege durch andere Länder zu schicken. Man kann sich das vorstellen wie einen Großmarkt, auf dem sich Händler treffen, statt jeden Kunden einzeln anzufahren.

Über DE-CIX Frankfurt liefen 2025 rund 48 Exabyte. Ein Exabyte sind eine Milliarde Gigabyte. Gegenüber 2021 ist das ein Plus von 65 Prozent. Rechnet man die Jahresmenge auf jede Sekunde herunter, fließen im Durchschnitt gut zwölf Terabit pro Sekunde durch den Knoten, rund um die Uhr. In der Spitze sind es mehr: Die 19,6 Terabit vom WM-Abend würden für etwa 3,9 Millionen gleichzeitige Videostreams in HD-Qualität reichen. Die Spitzenwerte haben sich in Frankfurt innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt.

Zum Nachrechnen
48 Exabyte sind 48 Milliarden Gigabyte oder 384 Trillionen Bit. Ein Jahr hat rund 31,5 Millionen Sekunden. 384 Trillionen geteilt durch 31,5 Millionen ergibt etwa 12,2 Billionen Bit pro Sekunde, also 12,2 Terabit pro Sekunde. Für die Streams: Ein HD-Stream braucht etwa 5 Megabit pro Sekunde. 19,6 Terabit geteilt durch 5 Megabit ergibt 3,9 Millionen.

Ein Netz unter Freunden

1969 kannten sich die Nutzer des ARPANET persönlich. Es waren ein paar hundert Forscher an einer Handvoll Einrichtungen. Niemand rechnete damit, dass jemand falsche Absender angibt oder Daten unterwegs mitliest. Deshalb fehlte den Grundregeln etwas, das heute selbstverständlich wäre: eine Prüfung, wer etwas schickt, und eine Verschlüsselung dessen, was verschickt wird.

Das Internet-Protokoll prüft die Absenderadresse eines Pakets nicht. Das E-Mail-Protokoll SMTP prüft nicht, ob der Absender einer Mail derjenige ist, der er zu sein behauptet. Das Adressbuch des Internets, das DNS, übersetzt Namen wie durchklick.blog in Zahlenadressen und gibt Antworten ohne Unterschrift heraus. Und die Router der großen Netzbetreiber glauben einander, welche Ziele sie erreichen. Jede dieser Lücken nutzen Betrüger bis heute.

Weil man ein Netz mit Milliarden Teilnehmern nicht neu bauen kann, wird seit Jahrzehnten nachgerüstet. Die neuen Regeln legen sich wie eine zweite Schicht über die alten.

Am weitesten ist die Verschlüsselung von Webseiten. Das Schloss im Browser und das „https“ vor der Adresse zeigen, dass die Verbindung zwischen dir und der Seite verschlüsselt ist. Im Browser Chrome laufen nach Angaben von Google inzwischen 95 bis 99 Prozent aller Seitenaufrufe so, je nach Betriebssystem. Ab Version 154, angekündigt für Oktober 2026, will Chrome vor unverschlüsselten öffentlichen Seiten standardmäßig warnen.

Bei E-Mails prüfen große Anbieter heute mit Verfahren namens SPF, DKIM und DMARC, ob ein Absender eine Mail im Namen einer Adresse überhaupt verschicken darf. Das hilft gegen plump gefälschte Absender. Gegen Betrüger, die sich eine ähnlich klingende Adresse registrieren, hilft es nicht. Bei den Wegeangaben der Router ist das Prüfverfahren RPKI auf halber Strecke: Im August 2025 gab es für rund 56 Prozent der weltweit genutzten IPv4-Adressen einen solchen Prüfeintrag.

Beim Anmelden ersetzt die Zwei-Faktor-Anmeldung das einsame Passwort. Neben dem Passwort braucht man einen zweiten Nachweis, etwa einen Code auf dem Handy. Passkeys gehen noch weiter und kommen ganz ohne Passwort aus.

Wie groß die Aufgabe bleibt, zeigt der Lagebericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik: Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 wurden im Schnitt jeden Tag 119 neue Sicherheitslücken in Software bekannt, rund ein Viertel mehr als im Jahr davor.

Die meisten Nachrüstungen arbeiten im Hintergrund, ohne dass du etwas tun musst. Drei Dinge liegen in deiner Hand: Updates installieren, wenn dein Gerät sie anbietet, die Zwei-Faktor-Anmeldung bei wichtigen Konten einschalten und vor jeder Eingabe von Passwort oder Bankdaten auf das Schloss und die Adresse im Browser schauen.

Im dritten Teil geht es um das letzte Stück des Weges: wie das Internet in deine Wohnung kommt und welche Geräte dort mitspielen.